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Tutorial: Skulpturenbau

Ich wurde gebeten einen Vortrag zum Thema Skulpturenbau auf dem 1000steine-Land 2005 in Berlin zu halten. Weil ich immer mal wieder zu diesem Thema E-Mails bekomme, stelle ich eben diesen Vortrag hier als Tutorial vor.

Motivation und Ziel der Präsentation / des Tutorials

Ich habe als Kind sehr oft die großen Skulpturen im Schaufenster eines Spielzeugladens betrachtet und mir immer gewünscht, so etwas einmal selber zu bauen. Ein paar viele Jahre später war ich dann endlich in der Lage dies zu tun.

Rene Hoffmeister kündigte meinen Vortrag im Forum von 1000steine.de sehr treffend an: "Immer wieder bringen aus Lego gebaute Skulpturen den Betrachter ins Grübeln: Wie baut man so was? Bauplan, Rasterpapier oder aus dem Kopf? Wie bekommt man Proportionen hin, wie baut man geometrische Formen? Eine kurze Übersicht, wie man an den Bau einer Skulptur herangehen kann, vermittelt Tobias in dieser Präsentation."

Einige Lego Fans bauen Skulpturen tatsächlich aus dem Kopf. Dies ist jedoch für den Anfang sehr schwer und braucht viel Übung. Deshalb stelle ich hier einfache Techniken vor, mit deren Hilfe man von einer einfachen Idee zu einer fast perfekten Bauanleitung kommt.

Der Begriff Skulptur

Der Begriff "Skulptur" kommt von dem lateinischen Wort "sculpere", was so viel wie "schneiden" bzw. "gravieren" bedeutet. Eine Skulptur ist also etwas, was durch Wegnahme von Material geschaffen wird, wie z.B. aus der Bildhauerei bekannt. Der Begriff "Plastik" dagegen kommt vom griechischen Wort "plastos", was so viel wie "geformt" bedeutet. Eine Plastik ist also etwas, was durch Hinzufügen oder Formen von Material geschaffen wird. Im eigentlichen Sinne dreht sich dieser Vortrag also um den Bau von Plastiken. Da beide Begriffe im deutschen Sprachgebrauch jedoch oft synonym verwendet werden und sich der Begriff Skulptur im Zusammenhang mit dem Thema Lego längst etabliert hat, werde auch ich weiterhin von Skulpturen sprechen.

Werkzeuge

Um gut vorbereitet ans Werk zu gehen, sollte man sich ein paar wesentliche Werkzeuge zurecht legen:

Theorie

Bevor es ans erste Beispiel geht, kommt hier noch ein kleiner theoretischer Absatz: Beim Erstellen der Zeichnungen im weiteren Verlauf dieses Tutorials wird es immer wieder darum gehen, zu vorgegebenen Linien eine optimale Annäherung über das Raster von kariertem Papier bzw. Brickpaper zu finden. Im Computerbereich nennt sich dieses Problem "Rastern von Linien". Es gibt verschiedenste Ansätze, Algorithmen in diesem Problemfeld. Ein bekannter Vertreter ist der Bresenham-Algorithmus (Wikipedia: Bresenham-Algorithmus). Diese Algorithmen werden z.B. als Verfahren zur Darstellung von Linien (Strecken, Kreise, etc.) auf einem Computerbildschirm verwendet. Ein Bildschirm besteht aus endlich vielen Bildpunkten. Jede geometrische Figur besteht aus unendlich vielen Punkten. Eine exakte Darstellung ist also nicht möglich. Die geometrische Figur sollte also durch diejenigen Pixel dargestellt werden, die sie am besten approximieren (also am nächsten an der Ideallinie liegen). Das Problem ist unserem sehr ähnlich. Ein Lego Stein entspricht hier einem Bildpunkt. Wir müssen mit den Lego Steinen die Ideallinie am besten approximieren. Der Bresenham-Algorithmus arbeitet mit einer eingebauten Fehlerkorrektur. Das ist bei uns jedoch nicht nötig. Man kann einfach nach der Regel vorgehen: Immer denjenigen Bildpunkt wählen, dessen Mittelpunkt näher an der Ideallinie liegt!

Beispiel 1: Kugel

Das erste von zwei Beispielen, mit dem sich dieses Tutorial beschäftigt, ist die Kugel. Kugeln werden immer mal wieder beim Bauen mit Lego Steinen benötigt. Die Vorgehensweise beim Entwurf ist immer gleich und denkbar einfach. Wie in der Grafik mit dem Haus zu sehen, braucht man immer eine Frontansicht und eine Seitenansicht, um das Objekt dreidimensional darzustellen. Die dritte Dimension sind in diesem Fall horizontale Schnitte durch das Objekt.

Um eine Kugel mit einem Durchmesser von 20 Noppen zu bauen, benötigt man also zuerst eine Front- und eine Seitenansicht. Bei der Kugel sind diese beiden Ansichten identisch. Mit einem Zirkel, eingestellt auf den Radius von 10 Noppen zeichnet man den Kreis auf Brickpaper und sucht im Raster die beste Annäherung an diese ideale Kreislinie. Anhand der Front- und Seitenansicht kann man nun die einzelnen Steinschichten auf kariertes Papier zeichnen. Wie in der Grafik zu sehen, beginnen wir mit der Ebene 1, welche gleich der Ebene 16 ist. Zuerst wird der Mittelpunkt in die Zeichnung (Draufsicht) dieser Steinschicht gemalt. Aus der Frontansicht entnehmen wir, dass sich die horizontale Fläche 4 Noppen nach oben und 4 Noppen nach unten, jeweils vom Mittelpunkt aus gesehen, ausdehnt. Aus der Seitenansicht entnehmen wir Ausdehnungen von ebenfalls jeweils 4 Noppen nach links und rechts. Die vier Anhaltspunkte werden nun in die Draufsicht Ebene 1 eingezeichnet und mit einer Ideallinie verbunden. Anschließend wird die Außenlinie dieser Ebene als bestmögliche Annäherung an diese Ideallinie über das Papierraster aufgemalt. Mit den anderen Ebenen wird ebenso verfahren, und um den Bau der Kugel zu erleichtern, zeichnet man jeweils noch die Außenlinie der unterliegenden Ebene in die Draufsicht jeder Ebene mit ein.

Beim Suchen nach der besten Annäherung an die Ideallinie sollte man immer jede mögliche Symmetrie ausnutzen. Der Kreis Nr. 2 in der Grafik zeigt verschiedene Annäherungen, die als Gesamtheit betrachtet aber keinen schönen Kreis mehr darstellen. Bei einem Kreis lassen sich sehr gut die Symmetrien der Achtelkreise ausnutzen. Dafür wird, wie Nr. 3 zeigt, der Kreis in acht Stücke unterteilt. Wie die Kreise Nr. 4 und Nr. 5 darstellen, lässt sich nun eine Annäherung eines dieser Stücke zeichnen und symmetrisch über die anderen sieben Stücke spiegeln.

Wenn die Kugel dann wirklich gebaut wird, empfiehlt es sich, die verwendeten Steingrößen mit in die Draufsichten zu zeichnen. So kann man die Kugel jederzeit ein weiteres Mal bauen oder diese auch digital in MLCad oder ähnlicher Software generieren. Bei einem geschlossenen Objekt (Kugel) sollten die ersten und die letzten drei Ebenen voll ausgebaut werden. Bei den anderen Ebenen reicht es die Kontur in genügender Stärke zu bauen. So entsteht die gewünschte Hohlskulptur – eine fast perfekte Kugel. Steine, welche sich im rechten Winkel überlappen, stabilisieren die Skulptur am besten. Und falls der entstehende Hohlraum zu groß wird, kann man weitere Steine als Unterstützung innerhalb von diesem einbauen.

Beispiel 2: Dynamic Man

Das zweite Beispiel ist der Dynamic Man. Eine recht komplexe Skulptur, die sich aber aus wenigen einfachen Grundformen herstellen lässt, nämlich Zylindern und Kugeln. Auch hier braucht man wieder eine Front- und eine Seitenansicht. Nach Zeichnen von einer Art Skelett und Festlegen des Umfangs der einzelnen Körperteile, lässt sich sehr gut ein Umriss um das Skelett herum zeichnen. Anschließend wird alles maßstabsgerecht auf Brickpaper übertragen und die Frontansicht wäre bereits fertig.

Die Seitenansicht ist hier etwas komplizierter. Zur besseren dreidimensionalen Vorstellung eigenen sich z.B. Drahtgittermodelle oder auch computergestützte 3D-Modelle (z.B. mit OpenGL, etc.). Egal ob Drahtgitter- oder digitales Modell, an beiden kann man so lange mit den Winkeln der verschiedenen Gelenke spielen, bis die Skulptur die gewünschte Form hat. Nun lässt sich auch die Seitenansicht auf Brickpaper zeichnen.

Wie schon von der Kugel bekannt, zeichnen wir nun die Mittelachsen in die Front- und Seitenansicht ein, und zwar in jedes abgeschlossene Objekt, wie Arme, Beine, Oberkörper und den Kopf. Anschließend kann mit der Anfertigung der Draufsichten jeder Ebene begonnen werden. Dazu werden ebenfalls wieder erst die vorhandenen Mittelachsen eingezeichnet und anschließend die Abstände der Mittelachsen nach rechts, links, vorne und hinten (einfach aus Seiten- und Frontansicht abzählen). Die eingezeichneten Markierungen werden dann mit der Ideallinie verbunden und zu dieser muss dann die beste Annäherung im Papierraster gefunden werden. Um den Bauprozess zu erleichtern, empfiehlt es sich wieder, die Außenlinie der jeweils unterliegenden Ebene mit einzuzeichnen.

Als weiterführendes Beispiel ist in der Grafik die Draufsicht auf die Ebene Nr. 47 zu sehen. Sie ist eine Ebene im Bereich des Halses mit beiden Armen bzw. Schulterpartien. Man sieht deutlich, dass die Ideallinien hier nicht Kreisen, sondern viel eher Ellipsen entsprechen. Dies liegt am Neigungswinkel des Armzylinders. Schrägschnitte durch einen Zylinder sind ellipsenförmig. Nichts desto weniger lassen sich auch solche Formen einfach aus der Hand zeichnen.

Wenn alle Draufsichten fertig sind, kann man mit dem eigentlichen Bauprozess beginnen. Dazu noch einige Tipps:

Ich hoffe, ich konnte meine persönliche Herangehensweise an den Skulpturenbau ein wenig verdeutlichen, und würde mich freuen, wenn zukünftig wieder mehr Skulpturen aus Lego Steinen im Internet oder auf Ausstellungen zu bewundern wären.

Letzte Änderung am 29.11.2009 - Copyright 2000-2015 - Tobias Reichling

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